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Bemerkungen zum finnischen Schulwesen gefunden auf der website des Bayrischen Kultusministeriums (km.bayern.de) Mit Befremden verfolge ich, Finnländerin von Geburt, seit längerem die Kommentare der deutschen Medien zum PISA-Erfolg Finnlands und die Schlussfolgerungen, die aus diesem Erfolg gezogen werden. Dabei stelle ich immer wieder fest: Entscheidende Faktoren werden oft ignoriert oder zumindest so ungenau dargestellt, dass keinem Leser ihr zentraler Stellenwert für die guten finnischen Lernergebnisse klar werden kann. Deshalb möchte ich mit dem folgenden Beitrag die Rahmenbedingungen des finnischen Erfolgsmodells zusammenfassend darstellen.
1. Soziokulturelle Faktoren Jeder Analyse des Schulsystems müssen die Faktoren vorausgestellt werden, die in der Eigenart des Landes, seiner Gesellschaft und Kultur liegen. Vor allem für die guten Ergebnisse der finnischen PISA-Probanden im Lesen gibt es Gründe, die kaum übertragbar sein dürften: So verfügt Finnland aufgrund der langen Winter über eine Lesetradition, für die es südlich der Ostsee keine Entsprechung gibt. Wer lieber fernsieht, schult aufgrund der Untertitelung ausländischer Filme ebenfalls nebenbei sein Lesevermögen. In der Schule gibt es aufgrund intensiver staatlicher Sprachförderung kaum Ausländerkinder, die dem Unterricht aus sprachlichen Gründen nicht folgen können. Und last but not least sind die finnische Gesellschaft und ihr Wertegefüge in weiten Bereichen noch immer sehr homogen. 2. Das allgemein bildende Schulsystem in Finnland Die finnischen Schulen sind aufgrund der Größe des Landes und der geringen Einwohnerzahl meist klein: 60 % der Schulen haben weniger als sieben Lehrkräfte, 40 % haben weniger als 50 Schüler. Auch die Klassen sind kleiner als in Deutschland: Die durchschnittliche Klassenstärke der an der PISA-Studie beteiligten Klassen betrug in Finnland 19,5 Schüler. Die niedrige Klassenstärke ist ökonomisch nicht sehr günstig, wohl aber pädagogisch: Gerade die lernschwächeren Kinder gedeihen in einer "intimen" Lernumwelt weit besser. Die erste Schulform ist die sechsjährige Unterstufe, in der die Klassenlehrerin meist alle Fächer außer den Fremdsprachen unterrichtet. Daran schließt sich die dreijährige Oberstufe an, in der Fachlehrer den Unterricht erteilen. Diese beiden Schulformen machen zusammen die peruskoulu aus – wörtlich: die "Grundschule". Sie wird in den deutschen Medien meist als "Gesamtschule" bezeichnet, wodurch irreführende Vergleiche mit deutschen Gesamtschulen, die ein völlig anderes System darstellen, provoziert werden. Die dritte Schulform, die lukio, arbeitet mit einem Kurssystem. Je nach Begabung, Fleiß und angestrebtem Notenschnitt kann man das Abitur nach 2 bis 4 Jahren ablegen. Dabei handelt es sich um ein scharfes Zentralabitur, bei dem die Arbeiten auch zentral korrigiert werden. 3. Das Schulpersonal Über Schulleitung, Klassenlehrerinnen und -lehrer sowie Fachlehrkräfte hinaus gibt es folgendes Schulpersonal, das mindestens einen Tag pro Woche an der Schule ist:
4. Die Förderung schwacher Schüler Hat ein Kind Lernprobleme, so kommt die Speziallehrerin in den Klassenunterricht und berät die Klassenlehrerin. Ggf. übernimmt sie Kinder für bestimmte Stunden und gibt gezielten Unterricht in den Problembereichen. Gelingt es nicht, die Defizite dadurch zu beheben, nimmt sich eine monatlich tagende "Spezialkonferenz" des Falles an und entwickelt einen Plan, wie dem Kind geholfen werden kann. Dieser Plan wird regelmäßig überprüft und u. U. modizifiert. Aufgrund dieser gezielten Förderung kommt das Sitzenbleiben nur noch in extremen Ausnahmefällen vor. Schulen, die groß genug sind, richten kleine Sonderklassen für verhaltensauffällige oder lernschwache Kinder ein. Jede Gruppe erhält ihre eigene, speziell ausgebildete Lehrkraft. Diese Schüler nehmen am Schulleben voll teil und können ohne Probleme in eine Regelklasse zurückkehren. Ca. 16 % aller Schüler erhalten pro Jahr über kürzere oder längere Zeit Förderung. Wenn man bedenkt, dass in Deutschland nur rund 4 % der Schüler Förderschulen mit Schwerpunkt Lernen besuchen, braucht man sich über die Größe der von PISA und IGLU ausgemachten Risikogruppe hierzulande nicht zu wundern. Keine finnische Lehrkraft begreift, dass von ihren deutschen Kollegen mancherorts erwartet wird, dem Problem schlicht durch "binnendifferenzierten Unterricht" beizukommen. 5. Profilbildung In Finnland ist jede Schule verpflichtet, dem örtlichen Bedarf entsprechend ihr eigenes Schulprofil zu entwerfen und zu realisieren. Den Lehrplan entwickelt – im Rahmen weitmaschiger Vorgaben – jedes Kollegium selbst. Dies führt dazu, dass die Unterschiede zwischen den formal gleichförmigen Schulen viel größer sind als die Unterschiede zwischen Schulen gleicher Schulart in Deutschland. Die Ergebnisse der landesweiten Evaluierung von Schulen werden veröffentlicht und in der Presse intensiv diskutiert. Da die Schulwahl frei ist, sortieren sich die Schülerströme vor allem in Ballungsgebieten auf Grund der curricularen Profilierung und des Fremdsprachenangebots. Dies führt dazu, dass manche Schulen niveaumäßig mehr oder weniger einem deutschen Gymnasium entsprechen, andere eher einer deutschen Hauptschule. Auch angesichts dieser Diversifikation ist die Bezeichnung "Gesamtschule" unangebracht. Zwar haben neue Richtlinien die curriculare Selbstständigkeit der Schulen etwas eingeschränkt, die Profilbildung blieb aber erhalten. Dieses System der flexiblen Profilbildung kann – gerade angesichts der meist geringen Lehrerzahl an finnischen Schulen – aber nur unter der Voraussetzung funktionieren, dass Lehrkräfte nach Bedarf eingestellt und entlassen werden können. 6. Schlussbemerkungen Nicht die Form der Gesamtschule ist es, die Deutschland sich bei den Finnen abschauen sollte, sondern die binnenschulischen Strukturen zur Entlastung der Lehrkräfte und zur Förderung der Schwachen sowie die intrasystemische Differenzierung. Führt man dies ein, erübrigt sich hierzulande der von manchen Seiten geforderte Umbau des Schulsystems. Dass man von meinen finnischen Landsleuten lernen kann, bestreite ich nicht. Aber was man von ihnen lernen könnte und sollte, darüber bin ich bereit zu streiten. Manch einer kocht sein eigenes Süppchen auf dem finnischen Feuer, und nicht wenige davon haben auf unzureichender Informationsbasis Schlüsse gezogen. Kommentar: Kann das finnische Schulsystem als Vorbild für Bayern dienen? Sowohl die gezielte Förderung schwächerer Schüler als auch die Entlastung der Lehrkräfte durch ergänzendes Schulpersonal erscheinen sinnvoll. Ebenso ist die eigenständige Profilbildung von Schulen wünschenswert, da gerade in Ballungszentren auf diese Weise ein Angebot entsteht, das verschiedenen Schülerbegabungen und - interessen gerecht wird. Allerdings dürfen die Rahmenbedingungen, unter denen dieses System funktioniert, nicht übersehen werden: Die Entlassung von Lehrkräften ist kein Tabu und die personalintensiven Strukturen können v.a. dadurch finanziert werden, dass finnische Lehrkräfte, gemessen am BIP pro Einwohner, nur etwa 2/3 bis 3/4 ihrer deutschen Kollegen verdienen (Quelle: nach Le Monde, 06.09.2003, S. 10). Hier ist eine Übernahme des finnischen Vorbilds wohl kaum erwünscht. Es wird darum klar, dass in Zeiten immenser Steuerausfälle in Deutschland eine Umsetzung der wesentlichen Aspekte nicht kurzfristig und flächendeckend möglich ist. Eine Reihe von Maßnahmen in der bayerischen Schulpolitik gehen aber bereits in diese Richtung: Der Einsatz so genannter Förderlehrer an bayerischen Grund-, Haupt- und Förderschulen, die den Unterricht unterstützen, mit Schülergruppen arbeiten und besondere Aufgaben bei der Betreuung von Schülern wahrnehmen, dient genauso der individuelleren Förderung und der Entlastung von Lehrkräften wie die Intensivierungsstunden in halber Klassenstärke am neuen achtjährigen Gymnasium. Ebenso ist die Profilbildung vieler Schulen im Rahmen der inneren Schulentwicklung sowie speziell des MODUS21-Schulversuchs auf einem guten Weg. Wenn diese Maßnahmen im Lauf der Zeit ausgebaut und ergänzt werden, dann wird sich der Erfolg auch messen lassen. Denn nur Lehrkräfte, die sich auf ihre Kernaufgabe, den Unterricht also, konzentrieren können, werden diese Aufgabe auf die Dauer professionell erfüllen. Wer Sozialarbeiter, Psychologe, Klassenlehrer und Speziallehrer in einer Person sein soll, kann keines davon so sein, dass das Resultat den Bedürfnissen der Schüler gerecht wird. |